Kirche Oberbipp

Der diesjährige Herbstausflug des Historischen Vereins des Kt. Bern führte uns in den Oberaargau nach Niederbipp und Oberbipp. Im Ancien Régime war hier die Vogtei Bipp eine begehrte Einnahmequelle für Landvögte aus dem stadtbernischen Patriziat. 1798 steckten die Bauern der Gegend das Schloss Bipp, die alte Landvogtei, in Brand.
Im “Gäu” (dem mittelalterlichen Buchsgau) am Jura-Südfuss verkehrten bereits die Römer (Verkehrsachse Aventicum-Hauenstein-Augusta Raurica), und römische Gutshöfe reihten sich in diesem Gebiet am linken Ufer der Aare. Im Mittelalter hatten dann Grafengeschlechter das Sagen (z.T. als Vasallen des Bischofs von Basel):
Die Adligen von Frohburg, von Kiburg, von Neuenburg-Nidau, von Thierstein, und schliesslich die Stände Bern und Solothurn.
Bis vor kurzem gehörten die beiden Dörfer Niederbipp und Oberbipp zum bernischen Amtsbezirk Wangen (an der Aare).
Niederbipp
Am Bahnhof Niederbipp stimmte uns Dr. Richard Buser (Architekturhistoriker und Autor des entstehenden Kunstdenkmäler-Bandes über den ehem. Amtsbezirk Wangen) ein mit der Lesung eines kurzen Textes von Gerhard Meier über den “Martinisommer“.

Weiter gings vom Bahnhof ins Dorf. Beim Zollwägli gab es den Gebäudekomplex des um 1920 erbauten Kaufhauses Fritz Stauffer zu besichtigen, eines damals erfolgreichen Unternehmens.
Bei der reformierten Kirche übernahm Dr. Armand Baeriswyl als Archäologe das Szepter: In der Nähe befand sich ein römischer Gutshof mit Bad, und allfällige künftige Ausgrabungen könnten im Kirchenareal exaktere Angaben zu sicher vorhandenen kirchlichen Vorgängerbauten ermöglichen.
Oberbipp
In Oberbipp suchten wir den Dorfplatz mit der Wirtschaft Bären auf; in der Nähe befindet sich das Pfarrhaus mit der ehemaligen Pfrundscheuer. Dr. Buser gab hier Hinweise zu diesen Bauten und zur Organisation einer mittelalterlichen Pfarrei.
In der schönen Kirche versuchte dann Dr. Baeriswyl, die etwas komplizierten mittelalterlichen Begriffe der Eigenkirche und des Kirchensatzes mit einigen Worten zu erläutern. Dr. Buser gab dann Hinweise zur Inneneinrichtung der Kirche. Ein Grabstein könnte eine ganze Geschichte erzählen von einem Duell, das tödlich verlief, und von Sekundanten.
Das schöne Epitaph für Maria von Graffenried-von Muralt (1692) zeigt Inschriften und zwei Putten mit abwärtsgerichteten Fackeln. Sehenswert sind auch die geschnitzte Kanzel und die Wappenscheiben sowie die Glasmalerei von Hans Stocker in den Chorfenstern.
Dann gings per Leiter in die Unterwelt: Die vom Archäologischen Dienst des Kt. Bern betreuten Ausgrabungen sind so bedeutend, dass sie konserviert und begehbar gemacht wurden. Mittels verschiedenfarbiger Spotlights wurde das Gemäuer unterschiedlicher Epochen ausgeleuchtet, und Dr. Baeriswyl war uns ein kundiger Führer durch dieses Labyrinth, das zahlreiche Ueberraschungen bereithält: Von römischen Mauern über eine “Phantomkirche” bis zu romanischen Vorgängerbauten mit deutlich erkennbarer Apsis. Ein sog. Lazarusgrab zeigt ein aufgeritztes leinenbindenartiges Muster, entsprechend mittelalterlicher Darstellungen der Auferweckung des Lazarus. (vgl. Prospekt-pdf des Archäologischen Dienstes des Kt. Bern).
Ein schöner Tag im “Martinisommer” ist zu Ende gegangen…

Weblinks:
vgl. mein flickr-Album zum Herbstausflug Niederbipp 2010 (auch als Diaschau)

vgl. meine YouTube-Filmchen von diesem Anlass:

(1) Aufbruch vom Bhf. Niederbipp
(2) Kaufhaus Fritz Stauffer:
- Film1/3
- Film 2/3
- Film3/3
(3) Oberbipp: Pfarrei und Pfrundschür
(4) Dr. Baeriswyl erklärt Eigenkirche und Kirchensatz***

vgl. Ausstellung im Historischen Museum Olten zum Adelsgeschlecht derer von Frohburg (bis Mai 2011)

Video – Dr. Armand Baeriswyl zu Kirchensatz und Eigenkirche: