Karl Kraus kritisiert eine Reiseveranstaltung zum Schlachtfeld von
Verdun
In der von ihm verfassten und redigierten Zeitschrift "Die
Fackel" nimmt Karl Kraus
1921 unter dem Titel "Reklamefahrten zur Hölle" eine in der Schweizer
Zeitung "Basler Nachrichten" inserierte Reiseveranstaltung zum
Schlachtfeld von Verdun aufs Korn. Er bildet das entsprechende Inserat
als Beilage in der "Fackel" ab und gibt dazu einen bissigen Kommentar
(Die Fackel,
23. Jahrgang, Nov. 1921, 577-582):
Reklamefahrten zur Hölle
In meiner Hand ist ein Dokument, das,
alle Schande dieses Zeitalters überflügelnd und besiegelnd, allein
hinreichen würde, dem Valutenbrei, der sich Menschheit nennt, einen
Ehrenplatz auf einem kosmischen Schindanger anzuweisen. Hat noch jeder
Ausschnitt aus der Zeitung einen Einschnitt in die Schöpfung bedeutet,
so steht man diesmal vor der toten Gewissheit, dass einem Geschlecht,
dem solches zugemutet werden konnte, kein edleres Gut mehr verletzt
werden kann. Nach dem ungeheuren Zusammenbruch ihrer Kulturlüge und
nachdem die Völker durch ihre Taten schlagend bewiesen haben, dass ihre
Beziehung zu allem, was je des Geistes war, eine der schamlosesten
Gaukeleien ist, vielleicht gut genug zur Hebung des Fremdenverkehrs,
aber niemals ausreichend zur Hebung des sittlichen Niveaus dieser
Menschheit, ist ihr nichts geblieben als die hüllenlose Wahrheit ihres
Zustands, so dass sie fast auf dem Punkt angelangt ist, nicht mehr
lügen zu können, und in keinem Abbild vermöchte sie sich so geradezu zu
erkennen wie in diesem:

[Inserat als Text ansehen]
Aber was bedeutet wieder jenes
Gesamtbild von Grauen und Schrecken, das ein Tag in Verdun offenbart,
was bedeutet der schauerlichste Schauplatz des blutigen Deliriums,
durch das sich die Völker für nichts und wieder nichts jagen liessen,
gegen die Sehenswürdigkeit dieser Annonce! Ist hier die Mission der
Presse, zuerst die Menschheit und nachher die Überlebenden auf die
Schlachtfelder zu führen, nicht in einer vorbildlichen Art vollendet?
Sie erhalten am Morgen Ihre Zeitung.
Sie lesen, wie bequem Ihnen das
Überleben gemacht wird.
Sie erfahren, dass 1½ Millionen eben
dort verbluten mussten, wo Wein und Kaffee und alles andere inbegriffen
ist.
Sie haben vor jenen Märtyrern und
jenen Toten entschieden den Vorzug einer erstklassigen Verpflegung in
der Ville-Martyre und am Ravin de la Mort.
Sie fahren im bequemen Personen-Auto
aufs Schlachtfeld, während jene nur im Viehwagen dahingelangt sind.
Sie hören, was Ihnen da alles zur
Entschädigung für die Leiden jener geboten wird und für ein Erlebnis,
wovon Sie bis heute Zweck, Sinn und Ursache nicht zu erkennen
vermochten.
Sie begreifen, dass es veranstaltet
wurde, damit einmal, wenn von der Glorie nichts geblieben ist als die
Pleite, wenigstens ein Schlachtfeld par excellence vorhanden sei.
Sie erfahren, dass es doch etwas Neues
an der Front gibt und dass es sich heut dort besser leben lässt als
ehedem im Hinterland.
Sie erkennen, dass das, was die
Konkurrenz bieten kann, die bloss über die Toten der Argonnen- und
Somme-Schlachten, über die Beinhäuser von Reims und St. Mihiel verfügt,
eine Bagatelle ist neben der erstklassigen Darbietung der Basler
Nachrichten, denen es unzweifelhaft gelingen wird, mit den Verlusten
von Verdun ihre Abonnentenliste aufzufüllen.
Sie verstehen, dass das Ziel die
Reklamefahrt und diese den Weltkrieg gelohnt hat.
Sie erhalten, und wenn Russland
verhungert, ein reichliches Frühstück, sobald Sie sich entschliessen,
dazu auch noch die Schlachtfelder von 1870/71 mitzunehmen, es geht in
Einem.
Sie haben nach dem Mittagessen noch
Zeit, die Einlieferung der Überreste der nicht agnoszierten Gefallenen
mitzumachen, und nach Absolvierung dieser Programmnummer noch Lust zum
Nachtessen.
Sie erfahren, dass die Staaten, deren
Opfer Sie in Krieg und Frieden sind, Ihnen sogar, und das will viel
heissen, die Passformalitäten ersparen, wenn die Reise aufs
Schlachtfeld geht und Sie sich nur rechtzeitig bei der Zeitung ein
Ticket besorgen.
Sie erkennen, dass diese Staaten
Strafparagraphen haben, welche das Leben und sogar die Ehre von
Presspiraten ausdrücklich schützen, die aus dem Tod einen Spott und aus
der Katastrophe ein Geschäft machen und den Abstecher zur Hölle als
Herbstfahrt besonders empfehlen.
Sie werden Mühe haben, diese
Paragraphen nicht zu übertreten, aber dann den Basler Nachrichten ein
Anerkennungs- und Dankschreiben schicken.
Sie bekommen unvergessliche Eindrücke
von einer Welt, in der es keinen Quadratzentimeter Oberfläche gibt, der
nicht von Granaten und Inseraten durchwühlt wäre.
Und wenn Sie dann noch nicht erkannt
haben, dass Sie durch Ihre Geburt in eine Mördergrube geraten sind und
dass eine Menschheit, die noch das Blut schändet, das sie vergossen
hat, durch und durch aus Schufterei zusammengesetzt ist und dass es vor
ihr kein Entrinnen gibt und gegen sie keine Hilfe – dann hol' Sie der
Teufel nach einem Schlachtfeld par excellence!
In verschiedenen Vorlesungen hat Kraus diesen Text (in etwas
abgewandelter Form) vorgetragen. Diese Vorlesungen von Kraus
waren gut besucht und sind teilweise auch
gefilmt worden.
So liegt zur Vorlesung "Reklamefahrten zur Hölle" ein Filmdokument vor;
der Vortrag kann auch als Audiodatei (mp3) angehört werden.
(Alle Links abgerufen am 5. Okt. 2019)
Hinweise zum Karl Kraus-Archiv:
https://www.wienbibliothek.at/ueber-uns/projekte/karl-kraus-archiv
Link zu Karl Kraus Online
(Wienbibliothek im Rathaus):
https://www.kraus.wienbibliothek.at/
Link zu gefilmten Vorlesungen von Karl
Kraus:
https://www.kraus.wienbibliothek.at/der-vorleser/film
Link zu "Reklamefahrten zur Hölle"
(Vorlesung, nur Ton = mp3):
https://www.kraus.wienbibliothek.at/content/tondokument-reklamefahrten-zur-hoelle
Link zu weiteren Tondokumenten (Karl
Kraus-Vorlesungen):
https://www.kraus.wienbibliothek.at/der-vorleser/o-ton
© Copyright: Karl Kraus-Archiv (Wienbibliothek im Rathaus)
Sicherheitskopie Film
"Reklamefahrten zur Hölle" (Vorlesung Karl Kraus) m4v-Datei
Sicherheitskopie
Tondokument "Reklamefahrten zur Hölle" (Vorlesung Karl Kraus)
mp3-Datei
Schlacht um Verdun (Wikipedia):
https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_um_Verdun
as of Oct. 5, 2019
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