Fragen der Kläger an die Experten im Berner Prozess,

mitgeteilt von Fürsprecher G. Brunschvig, Bern


Advokaturbureau

Georges Brunschvig


Bern, den 14. April 1934

Marktgasse 51/III Ciolina-Haus


An den Gerichtspräsidenten V,

Bern


In Sachen:

Schweiz.Israel.Gemeinde-BUND und

Israelitische Kultusgemeinde Bern

ca

Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen,

sowie Unbekannte.


Sehr geehrter Herr Gerichtspräsident,


In der Beilage erlaube ich mir, Ihnen die Expertenfragen einzureichen. Wir werden uns im Laufe des Verfahrens erlauben, soweit es notwendig ist, auf den einen oder andern Punkt näher einzutreten.


Mit vorzüglicher Hochachtung

[sig.] G. Brunschvig

Fürsprecher


Beilage erwähnt.

Einschreiben.




EXPERTENFRAGEN [DER KLAEGERSCHAFT]


a) Entstehung der "Protokolle"


1. Befinden sich im zionistischen Programm, herausgegeben am ersten Kongress 1897 in Basel oder in den nachfolgenden, irgendwelche Anhaltspunkte dafür, dass die zionistischen Führer jemals das Bestreben hatten, irgend eine revolutionäre oder sonstige politische Tätigkeit in den Ländern der jüdischen Diaspora zu entwickeln und begnügen sie sich nicht vielmehr mit einer Agitation zu Gunsten der zionistischen Bewegung ?


Ist es nicht richtig, dass das offizielle Programm der Zionisten lautet, "Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" ?


2. Befinden sich in der Literatur über die "Protokolle der Weisen von Zion" irgendwelche Anhaltspunkte, die darauf hinweisen, dass Ginzberg, der sich des literarischen Pseudonyms "Achad Haam" bediente, als Verfasser dessen gelten könnte, was in den "Protokollen" niedergeschrieben ist ?


Nahm Achad Haam in zionistischen Kreisen tatsächlich eine leitende Stellung ein, oder war er nicht bloss ein geachteter Verfasser jüdischer Werke ohne jeglichen politischen Einschlag ?


3. Ergibt sich nicht aus den Protokollen des Zionistenkongresses, wie aus Aussagen von noch heute lebenden Personen, die daran teilnahmen, dass alle Verhandlungen im breitesten Licht der Oeffentlichkeit geführt worden sind ?


4. Spricht irgend ein Indiz dafür, dass während den drei Verhandlungstagen in Basel noch irgendwelche Geheimsitzungen stattgefunden haben ?


5. Bestehen zwischen den beiden Auflagen von Beeck 7te Auflage 1922 und 8te Auflage 1923 einerseits einmal unter sich und andererseits gegenüber der Ausgabe von Fritsch 15te Auflage 1933 Divergenzen, wenn ja, welche ?


6. In welcher Weise weicht der Kommentar von Fritsch (Der internationale Jude, Band 1, S. 166) von den sub. 5 genannten Ausgaben der "Protokolle" ab ?


7. Welches ist gemäss der französischen Ausgabe "Protocoles des Sages de Sion" traduits directement du russe et précédés d'une introduction par Roger LAMBELIN, Edition Bernard Grasset, 61, Rue des Saint-Pères, 1933, der Ursprung der "Protokolle" ?


8. Laut Confrontation der "Protokolle" mit dem Buche des Nichtjuden Maurice Joly "Dialogue aux Enfers entre Macchiavel et Montesquieu" von 1864, stimmen erhebliche Teile sowohl der Fritschen Ausgabe der "Protokolle", wie der Beeckschen Ausgabe mit dem Buch von Joly überein. Wie lässt sich diese Uebereinstimmung erklären ?


9. Liegen Beweise dafür vor, dass die "Protokolle" in Russland aus politischen Erwägungen entstanden sind, und zwar auf Veranlassung der reaktionären Kreise ?


b) Inhalt der "Protokolle"


1. Bedeutet die Erklärung des Bibliothekars vom Britischen Museum in London, dass sich ein Exemplar des Buches von NILUS in der Auflage von 1906 in der Bibliothek befindet, irgend eine Annahme für die Wahrheit dessen Inhaltes ?


2. In der 15ten Auflage der "Zionistischen Protokolle" von Fritsch ist auf Seite 5 eine amtliche Bescheinigung abgebildet, die die Echtheit der Uebersetzung eines Zeitungsartikels bescheinigt, der in der schwedischen Zeitung "Nation" erschienen ist. Ist nicht anzunehmen, dass Fritsch damit den Zweck verfolgte, beim Leser den Anschein zu erwecken, als würde sich diese Bescheinigung auf die Echtheit der "Protokolle" beziehen ?


3. In den "Protokollen" werden Juden und Freimaurer als gemeinsam Verschworene hingestellt. Ist den Experten bekannt, ob es nicht in Deutschland Freimaurerlogen gab, die sogar antisemitisch eingestellt waren, und wenn ja, wie lässt sich dieser Widerspruch erklären ?


4. Mit welchem Recht wird eine gemeinsame jüdische Weltregierung mit einheitlichen Zielen und einheitlicher Willensbildung angenommen, wo doch zwischen kapitalistischen und proletarischen Juden, religiös, liberal(en) und gesetzestreue(n) Juden, Zionisten und Antizionisten, innerhalb des Zionismus zwischen religiösen Zionisten (Misrachi) und Revisionisten, zwischen Ansässigen und eingewanderten teilweise grösste Feindschaften bestehen ?


5. Sind Anhaltspunkte dafür vorhanden, dass der Gedanke, der in den "Protokollen" enthalten ist, nämlich derjenige eines jüdischen Komplots unter Mitwirkung des Freimaurertums zurückzuführen ist auf das Werk des sogenannten Sir John Retcliff, der in seinem bekannten Roman "Biarritz" einen Oberrabbiner auf dem jüdischen Friedhof in Prag, eine Rede halten lässt ?


6. Besteht, abgesehen davon, dass inhaltlich verschiedene Stellen der "Protokolle" mit dem Pamphlet von Joly übereinstimmen nicht auch in der Form der Wiedergabe der Gedanken in beiden Werken eine Aehnlichkeit ?


7. In den "Protokollen" ist vom Panamaskandal die Rede und dem Präsidenten, der dadurch kompromittiert ist. Es handelt sich dabei um den französischen Präsidenten Emile Loubet. Dieser kam aber erst am 19. Februar 1899 zur Regierung. Wie ist dieser Widerspruch zu lösen, nachdem die "Protokolle" schon im Jahre 1897 entstanden sein sollen ?


8. Im Weitern steht in den "Protokollen", dass als letztes furchtbares Mittel für die Weisen von Zion die Möglichkeit bestehe, mittels Stollen der Untergrundbahnen ganze Städte und die Nichtjuden mit ihrem Hab und Gut in die Luft zu sprengen. Wie ist ein derartiger Programmpunkt zu bewerten ?


9. Ist zusammenfassend aus dem Obengesagten nicht eindeutig erwiesen, dass die "Protokolle" unecht, gefälscht sind, in dem Sinne, dass sie weder kulturelle, noch gesellschaftliche, noch wirtschaftliche Ziele des Judentums zum Ausdruck bringen ?