Gedächtnisrede auf Br. Heinrich Schuppisser, Sonntag, den 29. Nov. 1931 in der Loge Akazia in Winterthur
(A. Huber)

Lieber Meister, liebe Schwestern, liebe Brüder !

An die Worte: "Rasch tritt der Tod den Menschen an", wurden wir in Rorbas-Freienstein erinnert, als am Mittwoch den 4. Februar dieses Jahres nachmittags die Trauerkunde durch Fabrik und Dorf eilte, dass Heinrich Schuppisser bei einer geschäftlichen Verhandlung, die er als Präsident der Schulgemeinde Rorbas im Hause eines Gemeindebeamten zu besorgen hatte, an einem Schlaganfall gestorben sei. Gross war die Trauer um den allseitig geschätzten und beliebten Mann. Denn so aufrecht und einfach er seines Weges ging, so einfach und gerade war er in seinem Innern, dabei freundlich und dienstbereit gegen jedermann.

Unser lieber Br. Heinrich Schuppisser wurde am 18. Sept. 1859 in Ober-Winterthur geboren. Sein Vater, Herr Kantonsrat Schuppisser, war Prokurist bei der Firma Imhoof, Blumer & Co., deren Hauptbureau im Bühlhof in Winterthur war. Derselbe besass in Oberwinterthur ein stattliches landwirtschaftliches Gewerbe, dem aber, da der Vater tagsüber abwesend war, die Mutter mit grosser Umsicht vorstund und gerne erzählte er aus seiner Jugend, wie seine Mutter, an der er zeitlebens mit grosser Liebe und Verehrung hing, von morgens früh bis abends spät, in Haus, Hof und Feld mit Knecht und Magd sich abmühte, daneben aber ihren Kindern doch noch eine fürsogliche Mutter sein konnte. So war es auch natürlich, dass Heinrich schon frühzeitig mit seinen 4 Geschwistern wacker Hand anlegen musste und so wurde er auch von jung auf an Arbeit gewöhnt und Arbeit war ihm bis ans Ende Lebensbedürfnis. Nach dem Besuch der Primar- und Sekundarschule in Oberwinterthur kam er ein Jahr an die Handelsabteilung des Technikums Winterthur, absolvierte hierauf bei einer bekannten, auch im Bühlhof domizilierten Firma eine 3-jährige kaufmännische Lehrzeit und trat dann zur weitern Ausbildung in ein Exporthaus in Lyon ein.

Gerne sprach er später mit Freude von diesem schönen Lyoneraufenthalt, wo er Freunde fürs Leben fand. Anfang 1881 kehrte er 22 Jahre alt zurück, um im Februar als kaufmännischer Angestellter und Gehilfe seines Vaters in das Hauptbureau von Imhoof, Blumer & Co. einzutreten. Chef waren damals die Herren Imhoof-Hotze, ein bekannter Winterthurer Grosskaufmann, sein Sohn Dr. Imhoof-Blumer und Ständerat Oberst Blumer in Rorbas.

Damals gingen die Produkte der Buntweberei in Freienstein hauptsächlich in den Orient, bis nach Indien, und war Singapore ein Hauptverkehrsplatz. Als im Jahr 1894 infolge Tod von Herr Imhoof-Hotze und Austritt seines Sohnes, des bekannten Numismatikers Dr. Imhoof-Blumer, die Firma in Blumer & Biedermann umgewandelt wurde, wurde das Hauptbureau in die Fabrik nach Freienstein verlegt. An Stelle seines Vaters, der nach 52-jähriger Tätigkeit in den Ruhestand trat, wurde Heinrich zum Prokuristen befördert, musste aber sein schönes Heim zur "Linde" in Oberwinterthur mit seiner jung angetrauten Gattin verlassen, um ebenfalls nach Freienstein überzusiedeln. Der Abschied von Winterthur fiel ihm nicht leicht, doch hat er sich bald im untern Tösstal heimisch gefühlt und hatte auch im Sinne, nach seinem Rücktritt noch eine zeitlang da zu wohnen. Als im Jahr 1922 die Aktiengesellschaft wieder in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt wurde, trat Br. Schuppisser als Teilhaber in die neue Firma ein, wo er mit grosser Sachkenntnis die kaufmännische Abteilung leitete. Schon letztes Jahr äusserte er den Wunsch sich zu entlasten, um nach 50-jähriger Tätigkeit im Geschäft in den wohlverdienten Ruhestand zu treten, um im Kreis seiner Familie noch einen sonnigen Lebensabend zu geniessen. Doch der allmächtige Baumeister aller Welten hatte anders beschlossen. An dem Tage, 50 Jahre nach seinem Eintritt, an dem er seine bisherigen geschäftlichen Funktionen seinem Nachfolger übergab, nahm ihm der Tod die Feder, die er so lange und geschickt geführt, aus der Hand. Der Mund des so fröhlichen und herzensguten Menschen, der für jeden ein gutes und teilnehmendes Wort hatte, verstummte. Im Geschäft  ein unermüdlicher Arbeiter, der an sich selber die grössten Anforderungen stellte, verkehrte er mit seinen Mitarbeitern wie Untergebenen als verständiger und grundgütiger Mensch. Auch bei grösster geschäftlicher Hast oder bei Enttäuschungen bewahrte er seine Ruhe und Ueberlegung. Nie kam ein hartes oder ungerechtes Wort aus seinem Mund. So war der Nachruf des ihm unterstellten Personals: "Er war uns all die vielen Jahre ein leuchtendes Vorbild. Wir verlieren in ihm nicht nur einen warmherzigen und einsichtigen Principal, sondern auch einen väterlichen Freund von seltener Güte", keine banale Schmeichelei.

Gerne stellte er, ohne sich vorzudrängen, seine bewährte Arbeitskraft auch der Oeffentlichkeit zur Verfügung. Viele Jahre, bis zu seinem Tode, war er Mitglied und Präsident der Schulpflege und Schulgemeinde Rorbas. Unser Br. war stets ein treuer Freund der Jugend und die Schule war ihm ans Herz gewachsen. Deshalb verkehrte er auch gerne mit Br. Fritz Zollinger, Erziehungssekretär, bei dem er Rat und Anleitung holen konnte. Manchem jungen Manne hatte er den Weg zun spätern Fortkommen geebnet und scheute da keine Mühe und Zeit, bis er für seine Schützlinge eine Stelle hatte. Oeffentlich beteiligte er sich nicht mit der Politik, nichtdestoweniger interessierte er sich für die Tagesfragen uns stund stets an seinem Ort für einen  gesunden Fortschritt ein, nie versäumte er den Gang zur Urne.

Seiner Familie war er ein treubesorgter Vater. Mit seiner ihm gleich gesinnten Gattin erzog er seine Kinder, 3 Söhne und 5 Töchter, und scheute für deren Ausbildung weder Mühe noch Kosten, um ihnen eine äusserst sorgfältige und gediegene Bildung zukommen zu lassen, haben doch 6 seiner Kinder die Maturitätsprüfung gemacht. Leider ist ihm ein Sohn, der in Lausanne Medizin studierte und ein eifriger Sportler war, im Sturm auf dem Genfersee ertrunken. Obwohl er den Schmerz um seinen lieben Fritz äusserlich nicht zeigte, vernarbte die Wunde in seinem Herzen nie vollständig.

Mir selbst war er während 40 Jahren ein stets treu bewährter lieber Freund und Genosse. Der Zufall wollte es, dass wir in derselben Woche unsere Lebensgefährtinnen heimführten und während 30 Jahren Nachbarn waren. So wuchsen auch unsere Kinder gemeinschaftlich und in treuer Freundschaft auf und Sonntags war es seit vielen Jahren selbstverständlich, dass wir bei schönem Wetter zusammen mit unsern Familien Spaziergänge in unserer schönen Gegend machten.

Fragen wir uns, wo unser lieber Br. Heinrich die Anregung holte, um trotz dem täglichen aufreibenden Geschäftsleben seinen Frohmut und Herzensgüte zu bewahren und jung zu bleiben, so darf ich mit Sicherheit sagen, dass dies neben der Familie, wo er an seiner Gattin eine treubesorgte Lebensgefährtin hatte, die Freimaurerei war. Hier war der Quell, aus dem er seine Kraft schöpfte. Wie in der letzten Konferenz von berufener Seite hingewiesen wurde, ist die Freimaurerei unsere geistige Führerin, wir sind das Volk, den die Führerin den Weg aufwärts zum Ziele, der menschlichen und sittlichen Vollkommenheit, zeigt. Wohl werden wir das Ziel bei unserer Unvollkommenheit und Schwäche nie erreichen. Je mehr wir aber bemüht sind, der Führerin nachzustreben, umso näher kommen wir dem Ziel. So war Br. Schuppisser stets bemüht, der Führerin zu folgen und in den vordern Reihen stehend, deren Gebote möglichst in sich aufzunehmen und zu befolgen. Nicht umsonst war er, obwohl ausserhalb dem Orient von Winterthur wohnend, einer der fleissigsten Besucher der Loge und oft bin ich mit ihm, als sein Weggefährte, als die Zugverbindungen noch nicht so günstig waren, per Velo, bei schlechtem Wetter zu Fuss nach Schluss der Loge heimgepilgert. Dabei hatte er stets Sonne im Herzen und freute sich über das in der Loge Gehörte. Er trat im Jahr 1904, also schon reifern Alters unter der Hammerführung unseres lieben Br. Emil Bosshard in die Loge ein, ich mit ihm, doch war er es, der dazu die erste Anregung machte. Vor 2 Jahren erhielt er das Silberband. In den letzten Jahren besuchte er auch den von Br. Fritz Zollinger gegründeten und geleiteten Seniorenzirkel in Zürich und freute er sich besonders, dort auch seinen lieben Freund und Br. Emil Bosshard wieder zu treffen.

Die Gebote der königlichen Kunst, die er in der Loge und im Umgang mit seinen Brüdern in sich aufnahm, wandte er im täglichen Leben an und es machte tiefen Eindruck in unserer Gemeinde, als unser lieber Meister Br. Rebsamen anlässlich der Bestattung in der Kirche zu Rorbas Abschied von dem Entschlafenen nahm und darlegte, dass das Wirken und Leben desselben ganz im Sinne und Geist der Freimaurerei gewesen und sein Leben wohl die beste Widerlegung der oft über die Freimaurerei ausgestreuten ungünstigen Gerüchte und Verleumdungen gewesen sei.

So lasst uns, liebe Schwestern und Brüder, seiner stets in Liebe gedenken und sein Leben und Wirken als das eines ächten Maurers zum Vorbild nehmen, strebte er doch nach den Worten Br. Goethes:

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut."

Al[fred?/bert?] Huber